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Tesla – unter Druck oder alles in Butter?

Die Produktionszahlen stimmen, die Auslieferungen des Tesla 3 sprengen alle Rekorde. Doch die guten Zahlen überdecken kommende Probleme.

53.239 Tesla 3 hat die Firma in Q3 produziert, knapp 10.000 Fahrzeuge des Modells verlassen wöchentlich die Fabrik. Elon Musk hat etwas geschafft, was im Frühjahr kaum jemand für möglich gehalten hat. Der Tesla 3 ist der Motor, der sein Unternehmen am Leben hält. Denn vom S- und X-Modell gingen zusammen nur 26.903 Stück an die Kunden. Das zeigt, wie wichtig das Mittelklasse- Modell für den E-Autobauer aus dem Silicon Valley ist.

Auch der Ausblick auf die kommenden Quartale sieht nicht schlecht aus. Bisher wurde das Model 3 nur in den USA ausgeliefert, der europäische Markt rückt erst langsam ins Visier. Hier erhofft man sich weiteres Wachstum. Einzig China ist im Moment für Tesla noch ein schwieriger Markt. Durch den von Donald Trump angezettelten Handelskrieg kann Musk seine Fahrzeuge dort zu keinem konkurrenzfähigen Preis anbieten. Die Zollabgaben auf einen importierten Tesla liegen bei satten 40 Prozent. Dazu kommt, dass die chinesische Regierung im Ausland gefertigte Fahrzeuge nicht bezuschusst. Tesla rechnet weitere 15 Prozent hinzu, die das Fahrzeug gegenüber inländischen Anbietern deshalb teurer ist. Ab dem Jahr 2020 soll die eigene Fabrik in China das Problem lösen.

Also alles schick bei Tesla? Nicht so ganz. Die guten Zahlen des Tesla 3 basieren vor allem darauf, dass das Unternehmen im Moment noch die Vorbestellungen abarbeitet. Nach eigenen Angaben des Unternehmens liegen die bei gewaltigen 420.000 Stück weltweit. Inwieweit diese Zahl stimmt, und wie viele Tesla-3-Kunden ihre Vorbestellung in den vergangenen 12 Monaten rückgängig gemacht haben, wurde nicht kommuniziert.

Die spannende Frage wird sein, wie viele Neubestellungen Tesla in den nächsten Monaten für das Model 3 bekommt. Die hochgefahrene Produktion von 10.000 Autos pro Woche muss auch in Zukunft ausgelastet sein, damit das Unternehmen überhaupt Geld verdient. Bisher hat Tesla nach eigner Angabe nur hochpreisige Varianten des Tesla 3 verkauft. Was auf dem US-Markt mangels Konkurrenz funktioniert. Aber in Europa sieht die Sache anders aus. Für 50.000 Euro kann man hier aus einer ganzen Reihe von vernünftigen E-Autos wählen, die preislich alle unterhalb des Tesla 3 liegen.

Weitere Sorgen drohen Tesla bei den Dauerbrennern, den Modellen S und X. Das Model S hat seit der Vorstellung 2012 nur eine Modellpflege erhalten. Jaguar, Daimler und Audi haben Konkurrenzmodelle auf dem Markt, die die bisherige Sonderstellung von Tesla angreifen. Und das Model X verkauft sich in Deutschland wegen seiner Größe eher schleppend, ist aber immerhin das einzige siebensitzige E-Auto, das es überhaupt auf dem Markt gibt.

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Ab 2020 wird es eng für Tesla

2019 wird noch ein Jahr für Tesla, in dem der E-Autobauer von der Konkurrenz relativ unbehelligt bleibt. Ab 2020 sieht die Sache anders aus, denn dann wird VW weltweit seine I.D. Reihe ausrollen. Man kann getrost davon ausgehen, dass der Konzern genau weiß, wie man ein Fahrzeug günstig und vor allem gut produziert. Für die kleinste Variante des I.D. peilt VW einen Preis von rund 24.000 Euro an. Die Luft für das Model 3 von Tesla wird aber nicht nur wegen VW dünner. Audi wird ab 2020 einen Mittelklasse-Wagen mit Elektroantrieb auf Basis der VW-internen neuen E-Plattform anbieten. Honda wird seine hochgelobte Studie eines Golf-ähnlichen Mittelklassefahrzeug auf den Markt bringen. Dazu kommt BMW mit dem E-Mini.

Das kann für Tesla bedeuten, dass sich die Produktionszahlen nicht mehr so steigern lassen wie bisher. Die Konsequenz daraus wäre, dass die eh kritischen Anleger das Unternehmen mit Aktienverkäufen abstrafen werden. Bisher hat Musk allerdings immer noch ein „one last thing“ aus dem Hut gezaubert. Dies soll dann im nächsten Frühjahr die Vorstellung des Model Y sein. Vermutlich ein kleiner SUV in der Größe eines Audi Q3. Damit begibt sich Tesla allerdings in einen Markt, der schon jetzt höchst umkämpft ist und in dem die Margen pro verkauften Fahrzeug daher gering bleiben.

Elon Musk wird zufrieden sein, wenn die Fabrik in Kalifornien an ihrer Auslastungsgrenze von 500.000 bis 600.000 Fahrzeuge pro Jahr gefahren werden kann. Damit müsste das Unternehmen profitabel sein und würde ungefähr doppelt so viele Fahrzeuge wie Porsche verkaufen. Die für Tesla entscheidende Frage wird sein, ob man sich weiter in einer Nische halten kann, oder aber ab 2020 von der E-Welle der etablierten Hersteller überrollt wird.

Nach dem Ärger mit der US-Börsenaufsicht wird es zudem wichtig sein, ob Musk sein erratisches Verhalten ein bisschen eindämmen kann. Vielleicht reicht es dafür schon, wenn ihm sein Team den Zugang zu Twitter abklemmt. Das sollte leichter sein, als der kommende Konkurrenzkampf mit der etablierten Autoindustrie.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Bild: Gründerszene / Don Dahlmann

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