Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Auch auf dem Land braucht es neue Verkehrskonzepte

Spricht man über die Verkehrswende, geht es fast ausschließlich um Metropolen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass ländliche Gegenden unter dem Wandel leiden werden.

Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts leben rund 30 Millionen Menschen in Deutschland in dicht besiedelten Gegenden. Darunter versteht man die großen Metropolen, aber auch Gegenden wie das Ruhrgebiet, wo Städte in engen Clustern zusammenliegen. Für diese Menschen gibt es mittlerweile diverse Mobilitätsangebote wie Car- oder Ridesharing, Ridepooling und andere Dinge. Allerdings leben 18 Millionen Menschen hierzulande in ländlichen Gebieten und rund 34 Millionen Deutsche in mittelgroßen Städten. Dort fehlt es nicht nur an neuen Mobilitätsangeboten, sondern auch an Plänen, wie diese Menschen in die Zukunft der Mobilität eingebunden werden können.

Dass man in Städten die Autos loswerden möchte, mag dort Sinn machen. Die Reduzierung des Verkehrs und der Emissionen fördert die Gesundheit der Menschen und erhöht die Lebensqualität. Städter, die in Zukunft kein Auto mehr besitzen, können sich bei Bedarf bei einer Vermietung bedienen, um ihren Urlaub oder Tagesausflug aufs Land zu planen. In weniger dicht besiedelten Städten aber werden die Bewohner weiterhin auf das Auto angewiesen sein. Das zeigt sich gegenwärtig schon daran, dass Menschen aus dem Umland die längsten Pendlerstrecken zurücklegen. Da es häufig weder einen vernünftigen ÖPNV noch andere Angebote auf dem Land gibt, bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig, als auf ein eigenes Auto zu setzen.

Ein weiteres Problem: Die Elektromobilität steckt gerade auf dem Land noch in den Kinderschuhen. Zum einen fehlt es an zuverlässigen und günstigen Elektroautos auf dem Markt, zum anderen konzentrieren sich Hersteller und Stromlieferanten beim Ausbau der Ladestationen eher auf die Metropolen. Das begründet sich unter anderem darin, dass Menschen, die in ländlichen Gebieten wohnen, eher über eigenen Wohnraum in Form eines Hauses verfügen. Das Argument der Infrastruktur-Dienstleister: Anwohner sollen sich eine Wallbox als Ladestation selber ins Haus bauen.

Landhotels bangen um ihre Gäste

Aber der Austausch der Verbrenner auf dem Land wird dauern, so lange es keine bezahlbaren Elektrofahrzeuge gibt, die über eine große Reichweite verfügen. Während Städter auch mit Kleinfahrzeugen auskommen, die über mittlere Reichweiten verfügen, sieht das auf dem Land anders aus. Dort werden Diesel-Kombis und SUV noch lange das Bild bestimmen. Doch wenn Metropolen in naher Zukunft ihre Innenstädte für Verbrenner dichtmachen, sollte sich die Politik vorher überlegen, wie den Menschen aus den Vor- und Kleinstädten der Zugang zu den Metropolen gewährt werden kann.

Folge NGIN Mobility auf Facebook!

Ein weiteres Problem stellt der Tourismus dar. Viele Hotels fernab der großen Metropolen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten darauf spezialisiert, kleine Oasen für den gestressten Städter zu sein. Wenn diese ihre Autos abschaffen, steigt allerdings die Hürde für eine spontane Landpartie. Viele Hotels überlegen jetzt schon, ob sie den Gästen in Zukunft einen Fahrdienst vom nahe gelegenen Bahnhof anbieten. Sofern es überhaupt noch eine Bahnverbindung gibt, denn seit 1993 hat die Deutsche Bahn rund 18 Prozent ihres Netzes stillgelegt – meist in ländlichen Gebieten.

Es reicht also nicht zu sagen, dass man in den dicht besiedelten Gebieten einfach das Auto abschafft und alle demnächst in autonomen Pods durch die Gegend gefahren werden. Genauso wenig ist es sinnvoll, viel Geld in den Ausbau des ÖPNV von Metropolen zu stecken. Die Infrastruktur ländlicher Gebiete ist – verglichen mit einer Stadt – komplett anderes.

Aus diesem Grund müssen Konzepte her, die aufzeigen, wie sich beides miteinander verbinden lässt – ohne das ländliche Gebiete und Kleinstädte komplett von den Entwicklungen der Zukunft abgehangen werden. Dazu braucht es neben den E-Autos auch einen weiteren Ausbau der Bahn, kommunale Carsharing-Angebote und die Überlegung, ob sich durch Public Privat Partnerships lokale Ridesharingdienste anlocken lassen. Nur so kann die Verkehrswende für alle fair gestaltet werden.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Getty Images / Lothar Steiner / Contributer

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain