Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

„In der Zukunft kostet ein Flug mit dem Volocopter so viel wie ein Taxi“

Das Startup Volocopter hat sich gerade 50 Millionen Euro Kapital gesichert. Schon in wenigen Jahren sollen die elektrischen Flugtaxis über Städten fliegen.

Dieses Interview erschien zuerst am 19. Oktober 2018.

Fast täglich hebt mittlerweile ein Volocopter auf dem Flugplatz in Bruchsal ab. Das Startup muss seine Systeme genau testen, denn eines Tages wird das Flugtaxi Menschen transportieren und zum Beispiel vom Flughafen in das Stadtzentrum bringen. 

Gerade hat Volocopter eine neue Finanzierungsrunde über 50 Millionen Euro abgeschlossen. Ein Investor ist die chinesische Geely-Gruppe, Volvo-Mutter sowie Großaktionärin bei Daimler. Das Geld wolle das Startup für die Entwicklung seiner Fluggeräte nutzen.

Im Herbst 2017 absolvierte Volocopter bereits einen unbemannten Testflug in Dubai. Vergangenen Monat flog die Maschine mitsamt Pilot in Helsinki, ließ sich dabei von der finnischen Flugsicherung begleiten.

Der Einsatz der Volocopter scheint nicht mehr weit weg, das Unternehmen rechnet mit drei Jahren. Unterdessen wird von Verkehrsforschern Kritik laut. Neuartige Fluggeräte wie der Volocopter würden das globale Mobilitätsproblem nicht lösen, kritisiert etwa An­dreas Knie, Ge­schäfts­füh­rer des Innovationszentrums für Mo­bi­li­tät und ge­sell­schaft­li­chen Wan­del und Pro­fes­sor an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin im Spiegel. Mit Gründerszene sprach der Volocopter-CEO Florian Reuter über die Vorwürfe, den Preis für einen Flug und die Sicherheitsbedenken.  

Florian, schon in einigen Jahren soll der Volocopter Menschen durch die Städte fliegen. Doch in dem Flugtaxi werden nur zwei Personen sitzen. Verkehrsforscher kritisieren, dass ihr damit die Mobilitätsprobleme unserer Zeit –  zu viele einzelne Menschen in Autos – nicht löst. Was sagst du zu diesem Vorwurf?

Auf dem Papier mag es ein sinnvoller Ansatz sein, mehr Leute zu poolen. Gleichzeitig bin ich ein Pragmatiker. Wenn ich mir bestimmte Routen anschaue, etwa die Bay Bridge in San Francisco, sehe ich, dass die Realität eine andere ist. Dort existiert eine U-Bahn und es wäre sinnvoll, sie zu verwenden. Trotzdem fahren jeden Morgen zehntausende Menschen mit ihrem eigenen Auto über diese Brücke und stehen im Stau.

Wie erklärst du dir das?

Der Wunsch sich individuell fortzubewegen ist vorhanden – das müssen wir berücksichtigen. Die Leute alle zu poolen und zum Beispiel in noch größeren Fluggeräten zu transportieren, halte ich nicht für realistisch.

Warum nicht?

Technisch gibt es ein Limit. Je größer und schwerer das Fluggerät ist, umso lauter wird es automatisch. Außerdem können die Passagiere nicht mehr von Punkt zu Punkt gebracht werden, wie wir es mit dem Volocopter machen. Für mich ist es am Ende wichtig, dass der Flugverkehr auf eine sozialverträgliche Weise gestaltet wird und nicht die ganze Stadt unter dem Geräuschpegel leidet. Idealerweise sollte es rein elektrisch und nachhaltig funktionieren. Dann spricht auch nichts dagegen, in kleineren Einheiten durch die Stadt zu surren. Mag sein, dass ein Pooling-Konzept in der Summe effizienter wäre, aber es trägt einfach der Realität unseres Alltags nicht Rechnung.

Ist es denn das Ziel, dass Leute vom Auto auf den Volocopter umsteigen?

Wir haben zunächst drei Zielgruppen: Das eine sind die Geschäftsreisenden, die in einer bestimmten Stadt am Flughafen ankommen und ins Stadtzentrum möchten. Diese Route ist in fast allen Mega-Städten der Welt eine schwer ausgelastete. Die zweite Gruppe sind Touristen, die auf eine umweltverträgliche Art die Stadt von oben sehen können. So ein Ausblick ist immer spektakulär. Die dritte Zielgruppe sind Pendler. Es gibt viele Strecken, bei denen es Sinn ergibt, sie mit einem Lufttaxi zurückzulegen und nicht mit dem privaten Auto.

Ist der Volocopter also erst einmal nur ein Angebot für reiche Touristen und gestresste Geschäftsleute?

Wir werden am Anfang ein Nischenangebot sein. Ich sehe nicht, dass wir momentan schon bereit sind, die Vision aus dem Film „Das fünfte Element“ umzusetzen. Das ist auch nicht unser Ziel. Am Anfang wird es klare Routen geben, auf denen der Transport in der Luft dem am Boden überlegen ist. Damit werden wir am Anfang ein bis zwei Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens abdecken. Aber schon ein Prozent ist phänomenal, denn der Mobilitätsmarkt ist gigantisch groß.

Wie teuer wird es sein, den Volocopter zu verwenden?

Das teuerste Element ist heute die Batterie. Abgesehen davon gibt es keinen Grund, warum ein Volocopter in der Herstellung teurer sein sollte als ein Auto. Wenn wir größere Stückzahlen produzieren, können wir einen Flug tatsächlich zu Preisen eines exklusiven Taxis anbieten. Am Anfang gehen wir davon aus, dass wir ein sehr eingeschränktes Angebot haben werden. Und wegen der kleinen Stückzahl der produzierten Volocopter erst einmal einen höheren Preis nehmen müssen. Er darf aber auch nicht exorbitant teuer sein, sonst lasten wir unsere Volocopter nicht aus.

Was konkret heißt das?

Wir rechnen damit, dass ein typischer Flug in der Großstadt zwischen 100 und 200 Euro kostet – etwa vom Flughafen in die Stadt. In der Zukunft kann der Flug günstiger werden und liegt dann in der Größenordnung eines Taxis. Ich weiß, da ernten wir immer viel Skepsis. Aber wenn man sich die Kostenstruktur anschaut und die Komponenten, welche verbaut sind, spricht alles dafür, dass sich das Preisniveau an das eines Taxis heute angleichen kann.

Volocopter sammelt 25 Millionen ein

In seiner jüngsten Finanzierungsrunde hat Volocopter Millionen eingesammelt, unter anderem vom Autobauer Daimler und einem bekannten Szenekopf.

Sollte die Nachfrage groß sein, gibt es die Versuchung den Preis trotzdem anzuheben.

Das ist heute Spekulation. Mit den ersten Demonstrationsrouten wollen wir genau das zum ersten Mal austesten. Nach dem Start sollen weitere Strecken hinzukommen und dann möchten wir mit dem Preis runtergehen, um breitere Nutzerschichten anzusprechen. Mein Ziel ist: Jeder soll die Möglichkeit haben beispielsweise vom Flughafen mit spektakulärem Ausblick ins Stadtzentrum fliegen – und jeder von uns soll es sich leisten können.

Sollten tatsächlich eines Tages Flugtaxis und Drohnen über der Stadt surren, wie lässt sich die Sicherheit für die Wohngebiete gewährleisten?

Wir haben ein Design gewählt, das viele harte Kompromisse gefordert hat – immer dem Thema Sicherheit geschuldet. Die 18 Propeller hat der Volocopter, weil er damit einen hohen Grad an Redundanz besitzt. Das heißt: Das System kann kompensieren, wenn einzelne Propeller ausfallen. Das ist auch das Sicherheitskonzept bei allen anderen flugkritischen Systemen: Batterie, Kommunikationsnetzwerk, Flugsteuerung. Es können mehrere ausfallen und der Volocopter kann immer noch sicher landen. Unser Ziel ist es, so sicher zu sein, wie die kommerzielle Luftfahrt – also ein großer Airliner – und es ist das Maß, an dem wir gemessen werden. Es ist aber klar, dass wir nicht morgen anfangen, mit 1.000 Volocoptern über bewohntem Gebiet zu fliegen. Wir werden uns schrittweise herantasten.

Wie kann man sich das vorstellen?

Nach unserer Zulassung werden wir erst einmal in Randgebieten fliegen oder auch entlang von Flüssen oder Meeresstränden, damit alle sich damit vertraut machen können – Behörden und Öffentlichkeit. Stück für Stück werden wir dann die Anzahl der Routen erhöhen. Wenn Tausende von Volocoptern über den Städten im Einsatz sind, wird sich zeigen, ob wir unsere Ziele erreichen. Wir sind uns der Verantwortung bewusst. Wenn wir diese Sicherheit nicht erreichen, werden wir kein erfolgreiches Geschäft aufbauen können.

Bild: Getty Images/Ethan Miller / Staff;  Nikolay Kazakov, Karlsruhe

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain