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VW stellt Johann Jungwirth kalt – stockt jetzt die Digitalisierung?

Volkswagen hat überraschend CDO Johann Jungwirth in die USA abgeschoben. Für die Digitalisierung des Konzerns lässt das nichts Gutes erahnen.

Als der ehemalige Volkswagen-Chef Matthias Müller Ende 2015 den Digitalexperten Johann Jungwirth, kurz Jay Jay genannt, von Apple loseisen konnte, wurde dies als Coup gefeiert. Jungwirth, der bei Apple im Team für das autonome Fahrzeug angestellt war, hatte zuvor viele Jahre Daimler als CEO des R&D Center im Silicon Valley gedient. Seine Entwicklungen gelten bis heute als wichtiger Bestandteil der gesamten Digitalisierung der Daimler AG. Nicht weniger wurde von ihm bei VW erwartet. Doch jetzt hat der neue VW-CEO Herbert Diess – zur großen Überraschung aller Experten – Jungwirth in die USA abgeschoben.

Das ist der Valley-Veteran, der Volkswagen digitalisieren soll

Er soll an Apples geheimen Auto-Projekt gearbeitet haben und war für Mercedes im Silicon Valley. Dieses habe er nun nach Deutschland gebracht, sagt Johann Jungwirth.

Jungwirth war zuvor Chief Digital Officer bei VW und berichtete direkt an den CEO. In den knapp drei Jahren, in denen er für den Konzern tätig war, gelang ihm einiges. Er baute eine neue Abteilung in Potsdam auf, die vor allem Technologien der Zukunft erforscht. Aus dem Nichts kreierte sein Team die vollautonome Studie „Sedric“, die einen Ausblick auf die kommenden Fahrzeuge geben sollte. Sein Einfluss bei VW war groß, seine Arbeit wurde international geschätzt. Dass der neue CEO das allerdings anders sah, wurde schon im April klar. Angesprochen auf die Zukunft des Digitalexperten meinte Diess nur ausweichend, Jungwirth habe dem Unternehmen gut getan.

Der neue CEO gilt nicht als Digital-Experte

Der neue VW-Chef baut im Moment den Vorstand um und konzentriert Machtpositionen auf sich. So übernimmt er nun auch die Leitung der Fahrzeug-IT im Konzern, ein Bereich, der vorher bei Jungwirth lag. Diess hatte schon im April angekündigt, dass er aus Jungwirths Stelle keinen Vorstandsposten machen wolle. Seine Begründung: Er wolle kein weiteres „Silo“ innerhalb des Konzerns schaffen. Warum das anders sein soll, wenn Diess selber die Kontrolle übernimmt, ist unverständlich.

Diess selber gilt nicht gerade als Digitalexperte. Zwar machte er sich bei seinem vorherigen Arbeitgeber BMW für die Elektromobilität stark. Doch im Gegensatz zu Johann Jungwirth hatte seine bisherige Arbeit wenig mit Digitalisierung zu tun. Bevor er 2015 zu Volkswagen wechselte, leitete Diess ab 2008 bei BMW den Vorstandsbereich Einkauf und Lieferantennetzwerk. Ab 2012 war er auch für die Entwicklung zuständig. Diess galt als „Pfennigfuchser“ der mit den Lieferanten hart verhandelte. Als er 2014 den Kampf um den BMW-Vorstandssitz gegen Harald Krüger verlor, verließ er das Unternehmen.

Ist ein Streit der Grund?

Was nun mit der gerade begonnenen Digitalisierung bei VW passieren wird, ist unklar. Dass es sich der Konzern erlaubt, eine Koryphäe wie Jungwirth kaltzustellen, lässt zumindest nichts Gutes ahnen. Denn hinter der Entscheidung steckt laut Insidern eine Auseinandersetzung zwischen Diess, dem Strategiechef Thomas Sedran und Jungwirth. Sedran, der zum engen Kreis von Diess zählt, soll sich mit Jungwirth überhaupt nicht verstanden haben und sogar dessen Entlassung gefordert haben. Allerdings wollte man dann auch nicht, dass Jungwirth samt seines Wissens bei der Konkurrenz landet.

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Jungwirth geht jetzt zurück in die USA, wo er die Carsharing-Projekte von VW anschieben soll. Was der Autobauer in den USA mit Carsharing machen will, ist unklar. Alle bisherigen Projekte sind auf Europa (Moia, Gett) und China fokussiert. Zudem tummeln sich auf den US-Markt schon starke, etablierte Player (Uber, Lyft), statt Carsharing steht in den USA das Thema Ridesharing eher im Fokus. Branchenkenner tippen, dass Jay Jay nicht mehr lange bei Volkswagen bleiben wird. Angeblich läuft sein Vertrag Ende des Jahres aus. Über mangelnde Angebote wird sich Jungwirth nicht beschweren können.

Bild: VW AG

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