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Warum deutsche Autobauer Millionen in Israels Startups investieren

Um die Datenhoheit zu bewahren und sich gegen Hacker zu schützen, suchen deutsche Autobauer die Nähe zu israelischen Startups.

Es ist brütend heiß. Die Luft oszilliert über dem beinahe glühenden Asphalt von Tel Aviv. 40 Grad. Am Vormittag. Wer dieser Tage, Mitte Mai, kurz vor dem jüdischen Wochenfest Shawuot, nicht wie ein verendendes Tier die Straßen entlanggehen möchte, nimmt besser das Auto. Tür zu, Klimaanlage an, volles Gebläse. Durchatmen, Abfahrt.

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Jesse und ich sind einem Hitzschlag vermutlich nur knapp entkommen. Wir biegen auf eine Seitenstraße in Montefiore im Zentrum der „Weißen Stadt“. Vorbei an der israelischen Google-Zentrale, vorbei am Amazon-Büro, das in den azurblauen, wolkenlosen Himmel ragt, vorbei an einem kubischen Betonblock, umgeben von meterhohem Sicherheitszaun. Hier sitzt die „8200“, erzählt Jesse, der berühmt-berüchtigte Nachrichtendienst des Militärs. Die israelische NSA.

Wo, wenn nicht in dieser Nachbarschaft, sollte man sicher sein? Wir sind es nicht. Unser Auto, ein neuer, mokkafarbener amerikanischer Geländewagen — besser gesagt: ein Freizeit-Panzer — spielt verrückt. Es fängt harmlos zwar an: Die Blinker feiern Disco, die Scheibenwischer winken im Takt, Waschwasser spritzt auf die Windschutzscheibe. Alles ohne mein Zutun am Steuer. Doch dann der Tacho — von null auf zweihundertvierzig in zwei Sekunden, und wieder zurück. Auch der Drehzahlmesser. Ich will anhalten, raus, doch das Auto verriegelt sich von innen. Passiert das gerade wirklich — habe ich Hitzefieber? Oder das Auto?

Jesse sitzt neben mir auf dem Beifahrersitz, Laptop lässig auf dem Schoß, tiefenentspannt: „Alles klar?“, fragt er und tippt ein paar Zeilen Code in den Rechner. Dann blockieren die Bremsen. So sehr ich in die Pedale steige — nichts. Zum Glück rollen wir nur in Schrittgeschwindigkeit dahin. Und kommen endlich zum Halt. Weil ich es wollte, und weil Jesse es konnte.

Wie sicher sind vernetzte Fahrzeuge?

Jesse Sultanik arbeitet für Argus, eine IT-Sicherheitsfirma aus Tel Aviv, die vernetzte Fahrzeuge vor Cyber-Angriffen schützen will. Alles, was mit dem Geländewagen in den Sekunden zuvor geschah, passierte, weil Jesse Sultanik es so befahl. Über sein Laptop, direkt neben mir. Jesse hatte sich in das System des Autos gehackt. Es war nur eine Demonstration eines Was-wäre-wenn.

Dieses Horror-Szenario, ein fremdgesteuertes Auto, über das der Fahrer keinerlei Kontrolle mehr hat, kann Realität werden. 2015 drangen amerikanische Sicherheitsforscher, sogenannte „White-Hat-Hacker“, die sich gesetzeskonform verhalten, durch eine Schwachstelle im Infotainmentsystem in die Schaltzentrale eines Jeep Cherokee ein. Im Rückwärtsgang konnten sie sogar das Lenkrad des Fahrzeugs steuern. Zur Demonstration ließen sie das gehackte Auto in einen Graben fahren. Natürlich ohne Insassen. Der Hack stieß eine Debatte an: Wie sicher sind vernetzte Autos? Wie schützt man sie vor Cyber-Attacken?

Wenn man aus dem Büro von Yoni Heilbronn, einem der Gründer und Marketing-Chef von Argus, schaut, kann man sich vorstellen, welche Gefahr gehackte Autos darstellen könnten. Heilbronn sitzt im 36. von 42. Stockwerken des nördlichen der beiden Alon Towers, zwei der höchsten Gebäude in Tel Aviv — 162 Meter, sieben mehr als die der Deutschen Bank in Frankfurt. Lässt man die Augen durch die bodentiefen Fenster nach unten wandern, hat man den Ayalon Highway, die Stadtautobahn Tel Avivs, im Panorama. Pro Tag sind auf den zehn Spuren über eine halbe Millionen Fahrzeuge unterwegs. Die Mitarbeiter von Argus haben sie im Blick.

Argus-Gründer arbeiteten zuvor beim Nachrichtendienst

Argus, Argus Panoptes, ist in der griechischen Mythologie ein Riese mit unzähligen Augen. Argus überblickte der Sage nach alles; auch wenn er schlief, wachte ein Teil von ihm. Argus Cyber Security verspricht ebenfalls, mit Argus-Augen zu wachen. Über Fahrzeuge.

Angenommen nur eines davon würde im Feierabendverkehr gehackt — es könnte zu einer Massenkarambolage mit unvorhersehbaren Folgen kommen. Und dafür muss das Auto nicht einmal autonom unterwegs sein. „Sobald es vernetzt ist, kann es auch gehackt werden“, sagt Heilbronn. Jedes Fahrzeug, das über einen Bordcomputer verfügt oder etwa über ein Telematik-System verfügt, mit einer Cloud und einem Smartphone oder USB-Stick verbunden ist, kann zum Opfer werden.

Heilbronn weiß sehr gut, was Cyber-Attacken anrichten können. Er wurde nur einen Kilometer nordwestlich seines jetzigen Büros ausgebildet, bei der „8200“. Zehn Jahre hat er für die Eliteeinheit gearbeitet; er ist ein Profi für Cyber-Sicherheit. Details über seine Arbeit dort darf er nicht nennen. Was er jedoch sagt: Vermutlich nirgendwo auf der Welt habe man als junger Mensch vergleichbare Möglichkeiten, im Bereich der Cyber-Sicherheit zu arbeiten.

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