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Was wurde aus der App für kostenlose Straßenbahn-Tickets?

Vor eineinhalb Jahren erlebten zwei Gründer einen Viral-Moment. Sie verschenkten Fahrkarten an Nutzer, die im Gegenzug Werbung schauten. Was ist seitdem passiert?

Die beiden Gründer aus Düsseldorf wollten ihre App eigentlich erst einmal testen. Doch dann meldeten sich innerhalb kurzer Zeit Zehntausende Menschen an. Die Idee von Olaf Peters und Philipp Dommers: Über WelectGo erhalten Nutzer kostenlose Straßenbahntickets – wenn sie im Gegenzug ein kurzes Werbevideo anschauen.

Der plötzliche Erfolg der App ist nun eineinhalb Jahre her, der Hype der Anfangstage hat sich nicht wiederholt. Im Interview erzählt Dommers, wie es für die Gründer weiterging und was aus ihrem kurzzeitig viralen Projekt geworden ist.

Was passierte nach dem Erfolg von WelectGo im November 2016?

Die App war damals für uns ein extrem spannendes Experiment. Olaf und ich haben sie gestartet, um zu sehen, wie sich Konsumenten verhalten, wenn sie Werbung auf eine andere Weise konsumieren – nämlich aus freien Stücken. Nach einem Jahr wollten wir das Projekt jedoch beenden, das war auch schon vorher so geplant.

Warum wolltet Ihr ein erfolgreiches Projekt beenden?

WelectGo war für uns in der Form nicht skalierbar. Jeder Verkehrsbetrieb ist für sich sehr stark organisiert. Für uns bedeutete das Schwierigkeiten, WelectGo technisch einheitlich umzusetzen.

Die App gibt es also nicht mehr?

Sie ist nicht mehr im Store, wir haben sie pausiert. Unsere Technologie, die in der App genutzt wird, haben wir an eine Bielefelder App lizenziert. Nutzer können mit ihr vergünstigt ein Fahrticket kaufen, wenn sie sich Werbung anschauen. Es ist also die gleiche Mechanik, aber installiert in eine bestehende App der Stadtwerke Bielefeld. Das ist ein Modell, das skalierbar ist und längerfristig läuft, wir werden es auf andere Städte übertragen. So haben wir einen anderen Zugang zum Markt: Wir kümmern uns um die Technik und weniger um den Vertrieb auf lokaler Ebene. Der benötigt nämlich ein großes Team und da wollen wir aktuell nicht investieren. ÖPNV ist daher für uns nicht gestorben, sondern lebt auf diese Art und Weise weiter. Und wir können uns auf unser Kernbusiness konzentrieren. 

Die Finanzierung eines Tickets ist zudem sehr teuer, wir reden hier über 1,60 bis 2,70 Euro – im Sinne der Werbewirtschaft sind das sehr hohe Beträge, die man natürlich dann auch entsprechend finanzieren muss. Der Bereich ÖPNV ist eine Möglichkeit, aber eher um Tickets zu subventionieren und nicht voll zu finanzieren.

Ihr habt mit WelectGo 40.000 Tickets innerhalb weniger Wochen vergeben. War das der Höhepunkt des Erfolges für die App?

Die App hatte nur einen Zweck: Sie war für Rheinbahn-Fahrkarten in Düsseldorf gebaut worden und dafür haben wir unterschiedliche Werbetreibende gewinnen können. Wir hatten ein Jahr Aktivität auf der App, haben 70.000 Tickets vergeben und hatten über 50.000 Nutzer. Wir können behaupten, es war ein sehr erfolgreiches Projekt für uns. Wir haben werbetreibende Unternehmen akquiriert und ihre Werbung auf eine andere Art und Weise gezeigt. Nicht so, wie man es von herkömmlichen Wegen kennt, zum Beispiel im Fernsehen als Unterbrechung und dort wo Konsumenten es nicht wollen, sondern eben mit einer positiven Konnotation.

Was macht Ihr nun?

Seit Mitte vergangenen Jahres fokussieren wir uns auf WelectPublish. Wir haben Welect mit dem Ziel gegründet, nutzerzentrierte Werbung zu machen, die den Konsumenten Spaß macht. Wir möchten, dass die Menschen gerne Werbung sehen. Dafür sind zwei Dinge wesentlich. Punkt eins: Man muss eine grundsätzliche Bereitschaft bei Nutzern erzeugen, Werbung anzuschauen. Sie müssen sich erst einmal öffnen und bereit für Kommunikation sein. Wenn wir das erreicht haben, gehen wir einen Schritt weiter: Menschen sollten sich aussuchen dürfen, welche Werbung für sie gerade konkret interessant ist. Wir lassen Daten außen vor und zeigen dem Nutzer, was ihm gefällt.

Wie stellt Ihr sicher, dass die Nutzer empfänglich sind?

Da gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Zum einen haben wir die sogenannte redaktionelle Integration. Wir fragen Nutzer, ob sie Lust haben, den Artikel, den sie gerade lesen, durch das Schauen eines Videos zu honorieren. Wir bieten dem Nutzer die Möglichkeit, sich einen Werbespot auszusuchen. Zum anderen sind wir in Paywalls integriert. Nachrichtenportale haben ja generell die Schwierigkeit, Nutzer davon zu überzeugen, für redaktionellen Content zu bezahlen. Wir bieten dem Nutzer die Möglichkeit, einen Artikel zu lesen, wenn er sich einen Werbespot anschaut, den er sich auch aussuchen darf.

Dann gibt es noch eine Integration in eine Adblock-Wall, das funktioniert so ähnlich wie bei der Paywall. Entweder der Nutzer schaltet den Adblocker beim Besuch einer Webseite ab oder er kann sich bei uns einen Werbespot aussuchen und darf dann mit Adblocker weitersurfen.

Wieso glaubst Du, würden Nutzer für einen Artikel mit dem Anschauen des Videos zahlen, wenn dieser sowieso umsonst ist?

Wir wissen, dass Nutzer das machen. Es ist nicht so, dass wir das nur glauben. Wir haben die Platzierung seit längerer Zeit im Einsatz, zum Beispiel im Chip-Download-Portal. Seit August letzten Jahres haben wir dort eine Installation und ungefähr die Hälfte der Nutzer macht es. Der Ansatz funktioniert, man muss es nur über den richtigen Dialog machen. Wir glauben fest daran, dass Nutzer sich anders verhalten, wenn man sie ernst nimmt und fragt.

Wie stellt Ihr sicher, dass Nutzer das Video ganz anschauen? Dürfen sie den Artikel lesen, wenn sie das eben nicht tun?

Welect lässt Menschen immer die freie Wahl und natürlich kann ein User einen Werbespot abbrechen. Sollte das aber passieren, entstehen dem Werbetreibenden keine Kosten. Nur vollständig angeschaute Werbespots werden berechnet. Gerade in Zeiten schwindender Viewability anderer Platzierungen ist das ein wichtiger Vorteil. In einigen Welect-Platzierungen erscheint der redaktionelle Content, nachdem das Video zu Ende gelaufen ist. Die Nutzer können aber natürlich jederzeit abbrechen oder auch einen anderen Spot wählen, falls er ihnen nicht gefällt.

Wie lange darf der Nutzer auf der Webseite hinter der Paywall-Wall surfen, wenn er ein Video angeschaut hat?

Es gibt eine zeitliche Begrenzung, in den meisten Fällen darf der Nutzer 30 Minuten surfen.

Bild: Welect

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